Schöner, neuer Faschismus – Buch von Michael Kraske

Die AfD trifft den deutschen Nerv. Wie ein „Seismograph“ zeigt diese Partei das Unbehagen des Kleinen Mannes gegen „die da oben“. Zugleich ist die AfD ein Auffangbecken für diejenigen, die keine Flüchtlinge mehr wollen. Noch bilden jene, die für eine moderne pluralistische Gesellschaft sind, die Mehrheit. Doch die Zahl der Menschen, die auf deutschem Boden deutsches Blut erwarten, wächst stetig.

Eine Verachtung der Demokratie gepaart mit völkischer Ideologie macht sich breit in Deutschland. Sehr wohl präsentiert die AfD heute einen Rassentheoretiker, der in verklärter Erinnerung an das „Tausendjährige Reich“ eine tausendjährige Geschichte der deutschen Städte beschwört.

Alexander Gauland findet den Liedtext der Neonazi-Band „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ öffentlich gut, dort heißt es: „Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land“. Seine Kernaussage zielt in die Richtung, dass das Deutsche zurzeit hochgradig schutzbedürftig ist. Die „Politik der menschlichen Überflutung“ ist ihm suspekt und er hat deshalb gar nichts dagegen, dass Flüchtlinge mit einer Naturkatastrophe gleichgesetzt werden.

Die bedrohte deutsche Kultur beziehungsweise Identität thematisieren auch Thilo Sarrazin und die „Identitäre Bewegung“. Da geht es um ungeklärte Begriffe wie „Umvolkung“ oder den „deutschen Volkstod“.
Dabei haben uns unsere Großväter ein katastrophales Erbe hinterlassen, so schlimm, dass es in Deutschland nicht ohne einen radikalen Traditionsbruch und Neuanfang mit demokratischen und humanistischen Werten weitergehen konnte. In diesem Sinne sind Migranten nun willkommene, verlässliche und gleichberechtigte Mitbürger.

Demgegenüber steht die Werbebotschaft der Neuen Rechten: „Schutz des deutschen Volkes vor Überflutung, Vermischung oder Bevölkerungsaustausch“. So etwas ist populär, insbesondere in Pasewalk, Anklam oder Rostock. Wären alle nur deutsch genug, würde es hierzulande weniger unsicher und kriminell zugehen, als könne ein Vergewaltiger oder Serienmörder nicht auch Karl-Heinz heißen.

Persönliche Impressionen aus Anklam

Im Zuge einer Lese-Reise durch Mecklenburg-Vorpommern machte ich gemeinsam mit meinem Verleger einen Abstecher nach Anklam. Wie zur Begrüßung begegneten wir gleich am Ortseingang zwei Männern mittleren Alters mit Nazi-Symbolen auf ihrer Bekleidung. Schon am frühen Nachmittag saßen biertrinkende junge Männer auf den Bänken des schicken Marktplatzes. Argwöhnisch verfolgten uns ihre Blicke. Wenig später brauste ein Motorroller an uns vorbei. Darauf saß ein Mann mit Wehrmachtshelm und einer rechten Parole auf seiner Jacke. Als wir Anklam wieder verließen, tuckerte ein junger Mann mit seinem Auto vor uns her, das die rechte Gesinnung ganz offen mit einem Thor Steinar-Aufkleber zur Schau stellte. Hier wurde das Klischee ganz klar von der Realität überholt.

Auf einem Volksfest in Anklam wurde der Fotograf des Journalisten Raphael Thelen von rechten Aktivisten bedroht und auch attackiert. Tatsächlich haben sich viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern an die NPD gewöhnt. Die Verehrung von Nazis, der Hass auf Fremde sowie Machtergreifungsfantasien sind dort eben ganz normal.

Michael Kraske ist Journalist und Buchautor und lebt in Leipzig. Er schreibt unter anderem für Stern und Die Zeit und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Seine Reportage „Mein Nachbar, der Neonazi“ befand sich auf der short list für den Henri-Nannen-Preis.

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