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20 Mai 2016

WDR 3 über „Schlechte Zeit für Haiku. Gedichte nach Fukushima“ von Ryo Kikuchi

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WDR 3 über „Schlechte Zeit für Haiku. Gedichte nach Fukushima“ von Ryo Kikuchi

Morgen, am 11. März, jährt sich die Katastrophe von Fukushima zum fünften Mal. Nach einem Erdbeben folgte ein Tsunami, der das Kernkraftwerk Fukushima Eins schwer beschädigte. Bis heute tritt infolge des GAUs radioaktive Strahlung aus.

Ryo Kikuchi ist 1979 in Tokyo geboren, wo er auch 2011 das Erdbeben erlebt hat. Heute lebt der studierte Philosoph mit seiner Familie in Freiburg. Sein Gedichtband „Schlechte Zeit für Haiku. Gedichte nach Fukushima“ erscheint morgen zum fünften Jahrestag im freiraum-verlag in Greifswald.

Barbara Geschwinde hat Ryo Kikuchis Gedichte gelesen:

 

„In einem Feuersturm

Lässt sich nicht schreiben

Es ist einfach zu heiß

Selbst für die Fantasie

Wer darin war

Ist gestorben oder zerbrochen

Klagt wortlos oder im Wahn

Wir dürfen dennoch nicht schweigen

Weil die andern unterschlagen

Und fälschen

Der Gewinne wegen“

„Wir dürfen dennoch nicht schweigen“ so beginnt die letzte Strophe des Gedichts „Feuersturmliteratur“ von Ryo Kikuchi, das in dem Gedichtband „Schlechte Zeit für Haiku. Gedichte nach Fukushima“ erscheint. Der 1979 in Tokyo geborene Autor versteht es als Aufgabe, nach der Katastrophe seine Stimme zu erheben und gegen das Schweigen anzuschreiben. Gegen diejenigen, die aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen unterschlagen und fälschen. Kikuchis Motivation ist eine politische und zugleich eine zutiefst menschliche, denn der Philosoph hat an der Universität in Freiburg auch noch ein Studium der Caritaswissenschaft absolviert. Wie er zu der Haltung der japanischen Regierung steht, wird in seinem Gedicht „Offizielles Kommunikee der Regierung“ deutlich:

 

„Strahlung?

Na und?

Nur die Ruhe

Das ist bloß eine

Metapher“

Anstatt offen vor den Gefahren zu warnen, übt die japanische Regierung unter Premierminister Shinzo Abe Druck aus und hat ein Gesetz zur Sicherung von sogenannten Staatsgeheimnissen erlassen. Das räumt der Regierung umfangreiche Befugnisse ein, gewisse Informationen als geheim zu kennzeichnen. Wer sie verrät, dem drohen bis zu zehn Jahre Haft. Es ist zu bezweifeln, dass sich auch in Japan ein Verlag gefunden hätte, diese Gedichte zu veröffentlichen. Umso erfreulicher ist es, dass sich der freiraum-verlag dazu entschieden hat, eine deutsch-japanisch-sprachige Ausgabe herauszugeben.  

Das Schweigen der Atomlobbyisten in Japan, die aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft kommen, wird mit dem Begriff „Atomdorf“ umschrieben. Denen gegenüber stehen die Menschen alleingelassen da, die den Verlust ihrer Heimat und ihrer Lebensgrundlage in Fischerei oder Landwirtschaft verloren haben.

Neben langen Gedichten fasst Ryo Kikuchi seine Beobachtungen immer wieder auch in die knappe Form des 17-silbigen Haiku, wie in „Der Herbst des Verlustes“:

 

„Ohne Ernte

Ist der Herbst so nüchtern

Wie eine Klimaanlage“

 

„Gedichte nach Fukushima“ – der Untertitel des Buches weckt die Assoziation an Theodor W. Adornos Diktum „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. „Auschwitz“ ließ sich nach 1945 problemlos durch „Hiroshima“ ersetzen. Daran schließt sich heute die Frage an, ob es ebenfalls barbarisch ist, nach Fukushima ein Gedicht zu schreiben?

Vielleicht fehlt auch einfach die Kreativität in den temporären Behausungen, den Containern, in denen viele Atom-Flüchtlinge noch immer untergebracht sind, wie Ryo Kikuchi schreibt.

„Mit dem Untergang der Realität

Versanken die Fiktionen

Mit der Hoffnung auf die Welt

Starben die Phantasien der Flüchtlinge“

 

Die Gedichte von Ryo Kikuchi führen uns vor Augen, dass sich viele Bewohner der heutigen Sperrzone noch immer in einer Art Limbo oder Vorhölle befinden. In Japan sind fünf Jahre nach der Katastrophe viele Menschen müde, über Fukushima zu sprechen. Die Radioaktivität macht ihnen Angst, da sie unsichtbar ist und eine schleichende Bedrohung darstellt.

Auf der anderen Seite fürchten die Opfer der Reaktorkatastrophe, vergessen zu werden und fühlen sich alleingelassen mit ihren Problemen. Viele, vor allem ältere Menschen, leben immer noch in sogenannten „temporären“ Behausungen.

Das Wiederanfahren von mittlerweile vier Atomkraftwerken in Japan zeigt den Zynismus und die Menschenverachtung, den die japanischen Regierungsbeamten an den Tag legen, wie das Gedicht „Der Irre am Steuer“ ausdrückt:

 

„Vor dem Abgrund

Kehrt er nicht um

Er will den Fluss

Des Verkehrs nicht behindern“

 

(Wir danken Barbara Geschwinde für die freundliche Freigabe der Textfassung ihres Beitrags.)

Über den Autor

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Ryo Kikuchi wurde 1979 in Tokio geboren. Nach einem Studium der Philosophie an der University of Michigan war er Doktorand und Teaching Assistant beim Department of Philosophy an der Stanford University. Zum Zeitpunkt der Atomkatastrophe von...

Im freiraum-verlag erschienen

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Ryo Kikuchi - Schlechte Zeit für Haiku. Gedichte nach Fukushima - Deutsch Japanisch

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