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29 Juni 2015

Jürgen Landt im Gespräch (2012)

Jürgen Landt im Gespräch (2012)

 

Ende Juli/Anfang August erscheint nach „alles ist noch zu begreifen“  (2012) und „Letzter Stock im Feuer“  (2014) mit dem Hardcover „Als das Dasein sich verpfiff“ das nunmehr dritte Buch von Jürgen Landt im freiraum-verlag. 2012 habe ich mit dem 1983 aus der DDR ausgebürgerten Autoren über die DDR, die Sanktionen, denen er unterworfen war, und seinen Roman „Sonnenküsser“ gesprochen. 

Erik Münnich: Du bist in der DDR groß geworden, hattest einige Schwierigkeiten mit dem System … 

Jürgen Landt: Ich habe mich immer eingeengt gefühlt und da ich auch nicht das Naturell hatte, mich anzupassen, bin ich natürlich schnell in Konflikte geraten. Und das war ja nicht nur das System im Großen, sondern auch im Kleinen – das fängt im Schulsystem an, im Elternhaus, im Mief der Kleinstadt. Es war eine unbeschreibliche Enge, die nur schwer zu ertragen war. Und eigentlich bin ich kein politischer Mensch. Wenn man im Leben seine Sensoren ständig lügen lässt und nur gezwungenermaßen empfängt, dann kommt man gar nicht daran vorbei, die Stimmung einzufangen in der Umgebung, in der man lebt. Und dann mit Anfang, Mitte 20 habe ich die ersten Texte geschrieben – die sich natürlich mit dieser Thematik in der DDR auseinandersetzten. Wenn einem das einfach unerträglich war, dann hatte man vielleicht dadurch einen Platz gefunden, da irgendetwas für sich abzulassen. 

Erik Münnich: Das Gefühl, eingeengt zu sein, ging bei dir schon ziemlich früh los … 

Jürgen Landt: Ich habe so einen inneren Druck gehabt als Jugendlicher durch die stupiden Drangsalierungen, die von allen Seiten kamen. Ein anderer verletzt sich selbst und bei mir ging der Druck nach draußen. Dann habe ich mich regelrecht freigeschlagen. Das wurde dann als Rowdytum hingestellt. Und wenn man erst einmal drin war, kam man leider auch unter staatliche Kontrollmaßnahmen – ist den Ausweis losgeworden, hat den Paragraphen 48 gekriegt, Meldepflicht. Man durfte die Stadt nicht verlassen, nicht mit bestimmten Leuten verkehren. Das spitzte sich dann immer mehr zu. Hat die Sache nicht besser gemacht. Dann bin ich mit 17 oder so schon im Zuchthaus gewesen und wenn man danach wieder zur Schule gehen soll, da kann einem ein Staatsbürgerkundelehrer auch nichts mehr erzählen. Und vorher hatte man immer noch ein eingebläutes, komisches Bild gehabt, das die einem ja eingetrichtert haben von Anfang an – das ist die bessere Welt, sie kümmert sich um Menschen und was weiß ich, mal ganz profan ausgedrückt. Und wenn man so verklärt in den Strafvollzug der DDR kommt – danach war es gänzlich vorbei. Da hat man nochmal eine andere Welt in dem furchtbaren Staat spüren können. 

Erik Münnich: Musstest du als Schreibender Sanktionen fürchten und hast du auf vermeintliche Sanktionen hin – also Sanktionen, mit denen du gerechnet hast – dein Schreiben angepasst, eine Geheimsprache entwickelt, wie das andere gemacht haben, und Verstecke für deine Texte gesucht? Oder hast du einfach gesagt: Okay, ich setze mich hin und hau’ das jetzt rein? 

Jürgen Landt: Ich habe anfänglich mit der Hand geschrieben – mit dem Stift.

Irgendwann habe ich so eine Plastikschreibmaschine bekommen über Beziehungen aus Berlin – es war ja nicht möglich, einfach eine Schreibmaschine zu kaufen. Da gab es einen Durchschlagbogen und dann hatte man ein, zwei Abzüge, die oft kaum noch leserlich waren, die habe ich auch außer Haus geschafft, weil dann zwischendurch auch mal eine Hausdurchsuchung war. Da wurde gesagt: Wir haben den Verdacht, dass Sie an irgendeinem Einbruch beteiligt waren. In Wirklichkeit war es ein Zuträger, der den Leuten gesagt hat, ich würde Gedichte schreiben, danach haben sie dann gesucht und dann anbei noch einen Schuhabdruck genommen – das war mir alles zu doll und zu blöd. Und ich hatte auch keine Lust, wirklich in den Knast zu gehen – das ist die Sache nicht wert gewesen, da gab es genug andere Anlässe, für die ich hätte wieder reingehen können. […] 

Erik Münnich: 1983 bist du ausgebürgert worden, vielmehr hast du dich ausbürgern lassen – wie kam es dazu? 

Jürgen Landt: Ich habe ja in der dritten Haftzeit – ich war viereinhalb Monate in U-Haft – aus der Haft heraus einen Ausreiseantrag gestellt und dann hat der Anwalt gesagt: Ja, du kriegst eigentlich einen Freispruch vom Bezirksgericht, […] aber den kriegst du nicht, wenn dein Ausreiseantrag läuft, also den musst du schon zurückziehen. Dann habe ich den zurückgezogen, ich dachte: Naja, viereinhalb Monate in dem Loch – dann zieh mal den Antrag zurück, den kannst du auch von draußen irgendwann wieder stellen. Und dann habe ich den Freispruch bekommen, aber wegen meiner politischen, moralischen Einstellung keine Haftentschädigung. Und dann draußen wieder – es wurde ja nicht besser für mich – habe ich wieder Ausreiseanträge gestellt und da wurde aber immer gesagt von der Abteilung Inneres: Keine Formulare, dem wird nie stattgegeben und nichts und gar nichts. Und irgendwann habe ich schon gedacht: Naja, das wird wohl so sein und so bleiben, aber nach ein paar Jahren ging einer der Anträge dann doch durch und ich musste innerhalb von zwölf Stunden die Deutsche Demokratische Republik, wie sie es immer ganz längs ausgesprochen haben, verlassen. An der Grenze habe ich dann zwei Frauen angesprochen, weil ich nicht zu Fuß rüber durfte, dann hätten sie mich wieder eingesperrt, und die haben gesagt: Na klar, wir nehmen Sie mit. Dann habe ich so eine Identitätskarte bekommen und dann gefragt: Na, wo fahren wir denn hin? Die sind nach Hamburg gefahren und dann bin ich halt mitgefahren. Wären die nach Bremen, Lübeck oder sonst wo hingefahren, wäre ich da gelandet. 

Erik Münnich: Gab es in der Zeit einen Bruch in deinem Schreiben? 

Jürgen Landt: Ja, ich habe dann Type-Arts gemacht – ich habe die Typografien von der Erika benutzt und diese Bilder auf der Schreibmaschine gemacht. Vielleicht war ich auch zu der Zeit sprachlos und hatte dann aber trotzdem genug, um irgendetwas ausdrücken zu wollen. Ja, das Sprachrohr war mir da zu eng … 

Erik Münnich: Wann hast du deine Sprache wiedergefunden? 

Jürgen Landt: 1985 dann wieder. Es hatte auch etwas mit der Ruhelosigkeit zu tun, man muss ja erstmal einen Raum finden, wo man sich sammeln kann. Und wenn man zehn Monate ohne eigene Wohnung und nur mit seinem Wandergepäck ist, ist das schon schwierig. Und trotzdem möchte man irgendwo etwas machen, aber das ging nicht. 

Erik Münnich: Du bist nach der Wende zurück nach Greifswald, also in die Region, aus der du stammst …

 

Jürgen Landt: Ja, weil ich ja noch genug Verwandte und auch eine Tochter hier hatte. Und dann hatte ich nach diesen sechs, sieben Jahren, als ich hier in Stralsund ankam und meine Schwester mich abholte, auch wieder einen Kulturschock […] Wieder zuhause, wieder im Kinderzimmer gehockt bei den Eltern. Ich habe immer gedacht, es ging da ein bisschen vorwärts mit den Leuten – die waren genau auf demselben Level von damals, außer dass sie vielleicht auch ein bisschen gesagt haben: Toll, wir haben jetzt Kohl. Ansonsten war es dasselbe. Ich wollte in der Nacht da schon wieder weg, bloß ich kam nicht weg, ich hatte kein Auto, es gab kein Telefon, nichts. Da habe ich nur gesagt: Ich fahre hier nie wieder her. Irgendwann war ich dann doch immer wieder häufiger hier, weil ich viele Dinge mitbringen sollte für andere Leute. Ich war gerade mit einer Frau zusammen, die war richtig geschäftstüchtig, die hatte Läden auf der Reeperbahn, die hat mir das Auto voller Ware gepackt, die habe ich dann irgendwo abgeliefert und bin dann hier wieder versackt. Obwohl ich eine Wohnung bis 1998 noch in Hamburg hatte. 

Erik Münnich: Spielt für dich jetzt die Vergangenheit noch eine Rolle? 

Jürgen Landt: Ja, vor allem irgendwie nach meinem Roman „Sonnenküsser“, da war ich nachher auch ziemlich platt, weil ich mich ja immer in der Rolle und der Entwicklung des Protagonisten, sprich des Kindes bis zum Jugendlichen, reinversetzen musste. Das bin ich ja gewesen, das ist ja total authentisch. Und da kamen natürlich die ganzen Dinge wieder hoch. Es ist ja nicht nur so, dass man das sieht, sondern man fühlt es ja auch. Dann musste ich eben immer auch so schreiben, wie der Sechsjährige das sieht oder wie ich es damals gesehen habe – sieben, acht, neun, zwölf Jahre alt – und nach dem Roman war ich platt wie ein Fahrradschlauch. 

Erik Münnich: Wie lange hast du daran gearbeitet an dem Roman? 

Jürgen Landt: 22 Monate durchweg und 50 hat es dann insgesamt gebraucht, bis er erschienen ist, weil es noch Verzögerungen gab, da jemand vorgezogen wurde […]. Und nach einem halben Jahr sagte der Lektor dann, ich solle eine zweite Erzählperspektive einbauen, da hatte ich eigentlich schon abgeschlossen mit dem Ding. 

Erik Münnich: Rückblickend betrachtet, das gibt es ja bei vielen Menschen, dass sie die Vergangenheit entweder verklären oder verteufeln. Kannst du dich dazwischen einordnen? 

Jürgen Landt: Weder verkläre noch verteufele ich etwas. Das war eine anstrengende Zeit. Und ich versuche das so rüberzubringen, wie es gewesen ist, wie ich mich dort in dem Leben zurechtgefunden habe. Ich habe genug Themen, bei denen ich so hart am Graben schreibe und mich an Grenzen abarbeite – und die sind für mich wichtig, das macht das Leben aus. Alles wird ja irgendwo immer verdrängt und diesen Dingen widme ich mich – nicht, weil ich sage, ich will das tun, sondern ich muss es einfach. 

Erik Münnich: Aufgrund deiner Erfahrungen in der DDR, in Westdeutschland ab 1983 und nach der Wende hast du dich also dafür entschieden, politische Themen als Schriftsteller zu meiden? 

Jürgen Landt: Ja, das war aber schon immer so für mich eigentlich. Aber solche Themen wurden mir immer aufgezwungen, weil ich da mitten drin lebe, eigentlich ist ja jeder abhängig von der Politik. Aber es gibt Systeme, da ist es aushaltbar. Und wenn ich die DDR als Vergleich sehe oder noch davor das Dritte Reich – dagegen ist das für mich jetzt sehr erträglich. Ich will auch nicht sagen, dass das eine gerechte Gesellschaft ist, das nicht – aber das ist nicht zu vergleichen mit dem anderen Scheiß, den ich durch habe. Und irgendwann wird man auch nicht jünger. Irgendwann ist das dann auch schon fast egal, dass man sich da irgendwo aus der Vergangenheit versucht, abzusetzen und zu lösen, aber das schaffst du ja so auch nicht wirklich. Und jetzt ist es für mich einfach nur noch wichtig, ein paar Jahre irgendwie durchzuhalten und die Dinge aufzuzeigen, die hier laufen.

 

Über den Autor

24 Oktober 2011

Jürgen Landt

Jürgen Landt
Jürgen Landt wurde 1957 in Vorpommern geboren. 1983 wurde er aus der DDR ausgebürgert und siedelte nach Hamburg über. Zur Zeit lebt er in Greifswald.                 Kurzprosa (in Auswahl) Der Gang durch die Tüte (Greifswald 1997). Bis zum Hals (Grabenstetten 2001). Immer alles kurz vorm Tod (Grabenstetten 2002). Realität ist...

Im freiraum-verlag erschienen

27 Februar 2012

jürgen landt: alles ist noch zu begreifen. kurzgeschichten

Buch Kaufen, Ca. 120 Seiten; 14,8 x 21 cm; ISBN: 978-3-943672-01-5 13.95 Euro; (D), E-Book kaufen

jürgen landt: alles ist noch zu begreifen. kurzgeschichten
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16 Dezember 2013

Jürgen Landt: Letzter Stock im Feuer

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