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20 August 2015

Jürgen Landt: Gefangen im geschundenen Gras

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Jürgen Landt: Gefangen im geschundenen Gras

Ende August veröffentlichen wir Jürgen Landts neues Buch „Als das Dasein sich verpfiff“ – wie immer Texte, die rein- und zuhauen und dabei alles bieten, was typisch ist für Jürgen Landt: seltsame Typen, alltägliche Absurditäten, durchspielte Nächte, gekaufte Liebe.

Vorab veröffentlichen wir hier schon mal seine Kurzgeschichte „Gefangen im geschunden Gras“. Wer Freude daran hat und überlegt, das neue Buch zu kaufen, der hat die Möglichkeit, neben diesem jedes weitere Buch von Landt aus unserem Sortiment (Mängelexemplar) zu 30 % Preisvorteil zu „erstehen“!

 

 

 

 

 

 

Gefangen im geschundenen Gras

Damals zog ich noch als Esel mit glänzendem Fell einen Karren voller Wassermelonen hinter mir her. Mit Leichtigkeit und selbst beim Ziehen mit strammem Penis.
Irgendwann wechselte die Fuhre, der Karren war voll mit Weibern, doch mein Fell glänzte noch immer, obwohl ich es stumpf fühlte. Peitschenknallen füllte den Himmel, doch ich Esel hatte keine Ahnung, dass das Knallen schon mein stillgehaltenes Platzen war.
Als Floh konnte ich schon nicht mehr springen, die Lust aufs Saugen war verloren, und die Sprüche der mich umschwirrenden Wespen „Mensch, Floh, dann steig doch aufs Stechen um!“ erreichten mich zwar noch, aber hatten die Wespen ein Schild mit einer Anleitung um ihren pelzigen Hals? Ein Esel kann auch vergessen, selbst wenn er sich zu tausend Flöhen macht.
Als ich als Maulwurf den Spaten der Frau über den Schädel gezogen bekam, konnte ich vorher schon schlecht sehen. Welcher Optiker fertigt einem Maulwurf eine Brille an, wenn der nicht familienversichert ist und ansonsten auch nicht zuzahlen kann? Nicht einmal ein Lehrling gibt ihm aus Versehen ’ne Fassung ohne Gläser, nicht mal im ersten Lehrjahr.
Sollst nicht mehr rauchen!, sagt die Ärztin, deine Lunge ist im Arsch!, und doch raucht man, auch wenn die Kammerjäger kommen und einem als Kakerlake stinkenden Qualm unter den geschwollenen Bauch jagen.
Ach, was war das Leben als Esel schön, wenn man sich so als Zugtier beim Ziehen des schweren Karrens umsah, gar nichts sah aufgrund der vielen angelegten Scheuklappen, aber beim Aufspannen der Nüstern im Drehen des Schädels Pussys roch. Keine Ahnung wieviele, doch es war eine Wolke.
Lässt dir als Fliege einen Flügel ausreißen, und das, obwohl du doch Facettenaugen hast.
Lässt dich als Wurm unter einem Stein hervorpflücken, in zwei Teile auseinanderreißen und auf Haken spannen. Schön, dass der Fisch auf dem letzten Meterende endlich doch noch von dir ablässt, dich wieder ausspuckt. Schönes Leben. Wunderbar, wenn zum Ende doch nicht alles klappt, jedenfalls nicht der Deckel auf den Eimer mit dem gefangenen Fisch am Ufer.
Die Schlange ist noch längst nicht tot, lässt nur die Haut im Wasser schwimmen.
Ich wäre auch schön blöd gewesen, hätt ich sie mir nicht langsam in einem Schlängelhäutungsmuss selber abgestriffen. Wär ich sie selber nicht ganz losgeworden, hätt mir von fremder Hand das letzte Ende brennend abziehen lassen müssen. Oder nimmt man für eine Handtasche nichts Abgeworfenes? Würgen hätt man sollen oder giften. Aber will man nicht einfach nur ganz ungestört der Antilope strampelnden Hufe in seiner inneren Säure spüren, selbst dieses Leben noch mit reingewürgten Hörnern fühlen?
Was willst als Schmetterling im Marmeladenglas, auch wenn unterm Deckel ein kleines Büschel Gras drin liegt? Wirst matt, verlierst das bunte Muster auf den Flügeln. Rausgeschüttelt und aufgepickt von dem Vogel mit dem bunten Hals, für den ich schon als Esel niemals einen Namen finden konnte. Stand nirgendwo ein Name, stand nirgendwo Bedeutung an seinem bunten Hals, nur der Karren war so leicht für mich als Esel, so geil das Zaumzeug um mich rum.
Und für das aufgeschraubte deckelfreie Glas, das sich in seinem weggeworfenen Rumliegen ein aufgezwungenes Zuwachsen einverleibt, wird niemand sich noch krumm machen, es aus einer Narbe frischer Gräser ziehen, dem Gras ’nen Narbengraben reißen. Weil’s dreckig ist und eingewachsen? Oder wird dem gereinigten und durchscheinbar Gemachten nichts frisches Süßes mehr heiß in einem Dampfbad eingekocht, weil Menschen es so gern vermeiden, sich grabend Narben anzuschauen?