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12 August 2015

Jürgen Buchmann im Gespräch (2014)

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Jürgen Buchmann im Gespräch (2014)

Jürgen Buchmann im Gespräch (2014)

„Jürgen Buchmann ist ein Phänomen, ich möchte fast sagen, eine Speerspitze der Romanischen Sprachen und vielleicht des Romanischen Sprechens und Denkens im deutschen Gelände, wenn dieser eher bellizistische Ausdruck nicht an der Art vorbei zielte, wie Buchmann Sprache zelebriert und feiert“, schreibt Jan Kuhlbrodt über den Autor, der seit unserem Start ein wichtiger Teil unseres Verlages ist. Das Schaffen Jürgen Buchmanns ist vielseitig und erstreckt sich von politischen Satiren, die ihm einen Kultstatus brachten, über feinsinnige sprachliche Kleinode bis hin zu faszinierenden literarischen Übersetzungen, die den Leser immer wieder überraschen. Gemeinsamkeit aller seiner Texte ist, dass jede erlebte Erfahrung, die sich in seinen Texten widerspiegeln soll, muss bis in den Stil durchschlagen.

Erik Münnich: Die „Lüneburger Trilogie“  war für dich eine Herzensangelegenheit. Was hat es damit auf sich?

Jürgen Buchmann: Dieses Buch hat in meinem Leben eine ungeheure Rolle gespielt. Und zwar hab ich an diesem dünnen Mittelteil, der „Phantastischen Topografie der Hansestadt Lüneburg“, 30 Jahre lang gearbeitet, weil die Probleme, die sich mir da stellten, so kompliziert waren, dass ich anscheinend nicht damit fertig wurde. Es ist, in Anführungszeichen gesprochen, eine Art Lebenswerk und ich bin froh, dass ich das geschafft habe – und noch froher, dass es im freiraum-verlag erschienen ist.

Es ist ein sehr komplexes, geheimnisvolles Werk. Wenn man das mit der normalen Lesegeschwindigkeit liest, die man zum Beispiel bei einem Zeitungsartikel hat oder bei einem Kriminalroman, kriegt man überhaupt nichts mit. Man muss es ganz langsam lesen, man muss nach jedem Absatz eine Pause machen und dann liest man es nochmal. Und wenn man es zehnmal liest, wird man zehn versteckte Überraschungen entdecken.

„Das Logbuch vom Meer der Finsternis“ ist auch dabei – dieses ist vielleicht mein offenstes und direktestes Buch. Ein Text, der eine zerstörte Welt zeigt, geheimnisvoll, magisch oft, finde ich, sehr eigenwillig. Es sind Träume, die da beschrieben werden, oder so Halbschlaf-Phantasien, die waren damals, als ich sie hatte, so intensiv, dass ich sie über Jahrzehnte bis ins Detail erinnern konnte und viel später hab ich sie dann alle aufgeschrieben.

Und das dritte Stück aus der Trilogie ist „Die Einschiffung nach Cythera“. Cythera ist die Insel des Glücks und der Liebe in der Antike und diese Erzählung handelt von einem älteren Schriftsteller, der eigentlich seinen Frieden mit der Welt gemacht hat, das merkt man, er bewegt sich in einer einsamen, aber sehr intensiven Welt – einer Welt, die aus leuchtenden, intensiven Details besteht. Und leider begegnet er einer jungen Frau, die ihn ziemlich durcheinanderbringt. Er verliebt sich hoffnungslos, wie man es sieht – nein, eigentlich wird es nicht direkt ausgedrückt, sondern nur anhand der Veränderung von Dingen, der Stimmung, der Atmosphäre. Ganz zum Schluss beruhigt sich wieder alles und endet geheimnisvoll und entrückt und anonym und leuchtend – eine sehr geheimnisvolle Novelle, ich habe sie sehr gern. Sie ist auch voller Musik, voller Klänge, zum Beispiel die ausgestorbene wendische Sprache des Lüneburger Wendlandes, das kommt immer wieder vor und liefert exquisite Klangeffekte

Erik Münnich: Neben deinen literarischen Arbeiten bist du auch als Übersetzer tätig. Welche Texte und Autoren interessieren dich hier vor allem?

Jürgen Buchmann: Mich interessieren vor allem entlegenere und unbekanntere Autoren interessieren, die lassen einem sozusagen mehr Spielraum. […] Dann natürlich gefallen mir Autoren, die manche meiner Leidenschaften teilen, zum Beispiel die Leidenschaft für Architektur – die spielt bei Huysmans eine gewisse Rolle, aber auch bei Prudenci Bertrana. Letzteren habe ich übersetzt, da lebe ich auf, weil für mich Architektur auch eine ungeheuer dichte und faszinierende Sprache ist. Im Lüneburg-Buch, in der „Phantastischen Topografie“, hatten eigentlich nur Gebäude Architekturen, Menschen kommen nur am Rande vor.

Erik Münnich: Du bist auch Herausgeber einer Reihe „Regionale Literaturen Europas“. Was war für die Begründung dieser Reihe ausschlaggebend?

Jürgen Buchmann: Ich habe mich in den letzten Jahren mit den Wenden bzw. Sorben befasst und festgestellt, dass dies ein winziges Volk mit heute vielleicht noch 60.000 Mitgliedern ist. Und dieses winzige Volk hat aber eine außerordentlich lebendige Literatur hervorgebracht. Und ich hab mir gedacht, wie schade, dass die in Deutschland gar nicht bekannt ist, es ist ein achtloser Umgang mit Kostbarkeiten. Und an und für sich hatte ich anfänglich an eine sorbische Reihe gedacht, aber dann wurde mir klar, dass in ganz ähnlichen Situationen auch andere kleine Völker mit ihren Literaturen sind – zum Beispiel die Waliser oder die Schotten und so weiter. Und da es nicht allzu viele Übersetzungen gibt, sind wir darauf gekommen, diese Reihe zu gründen, um so die ein oder andere Kostbarkeit der Literaturgeschichte zu retten. Bücher, die nicht deswegen vergessen sind, weil sie weniger wiegen als die Bücher der großen Nationen, sondern weil das Verbreitungsgebiet ihrer Sprache kleiner ist.

Erik Münnich: Mit Prudenci Bertranas – einem der bedeutendsten katalanischen Autoren – „Josafat“ liegt die erste Übersetzung  in dieser Reihe bereits vor. Wie bist du auf diesen Text gestoßen und was bedeutet er dir?

Jürgen Buchmann: Ich bin auf ihn gestoßen durch einen kleinen Artikel in „Kindlers Lexikon der Literatur“ – ein Artikel, den ich heute, wenn ich das offen sagen darf, nicht mehr besonders toll finde, aber er hat mir verraten, dass da eine Kathedrale eine besondere Rolle spielte und von daher ist es mir immer im Gedächtnis geblieben. Viel später habe ich dann, als es Internet gab, danach gesucht und eine Ausgabe gefunden – eine völlig heruntergekommene schwarze, die ich erst zum Buchbinder bringen musste, der mir ein hübsches Büchlein draus gemacht hat. Ich habe dann darin ein bisschen geblättert, war aber irgendwie nicht so fasziniert, ich weiß es nicht, ich hab es also liegenlassen. Und dann, viele Jahre später, als wir von dieser Reihe „Regionale Literaturen Europas“ gesprochen haben, hab ich mich wieder daran erinnert, dass es da ein Werk gab, das mich irgendwie fasziniert hatte. Ich dachte, vielleicht kann man diese alte Übersetzung ja ein bisschen überarbeiten und habe es mir genauer angesehen und gemerkt, auch wenn ich nicht besonders viel drin gelesen hatte, dass dies eine außerordentlich dilettantische Übersetzung ist – verblüffender Weise, schließlich von einem Fachmann, sogar dem Begründer der deutschen Katalanistik. Der hat aber irgendwie versucht – vielleicht um ein Publikum für diesen unbekannten Autor und diese unbekannte Sprache zu gewinnen –, den Text zu verbessern, indem er ihn einerseits an expressionistische Modeautoren seiner Zeit angenähert hat (deren Stil er aber außerordentlich unvollkommen nachgeahmt hat) und andererseits hat er Gartenlaubenelemente reingemischt – pure Erfindungen von ihm. Das Ganze sollte dem deutschen Leser dieses katalanische Werk näherbringen. Kurz und gut: Die Übersetzung war überhaupt nicht zu gebrauchen und ich habe dann das ganze Buch neu übersetzt. Ich glaube, dass sie Bertranas Vorstellung einigermaßen gerecht wird. Ich selber war entzückt, diese Kathedrale dann tatsächlich zu entdecken, einen Helden dieses Buches, und hab auch beim Nachwort ausgeführt, was da genau passiert.

Erik Münnich: Verwunderlich ist aber, dass der „Josafat“ 1918 unter einem anderen Verfassernamen erschienen ist.

Jürgen Buchmann: Ein Rätsel. Mir ist überhaupt nicht klar, was da passiert ist. Das ist ein falscher Autorname, dieser Autorname wiederum hat reale Bestandteile und vollkommen erfundene. Vielleicht hat der Verlag, der katalanische Verlag, Protest erhoben über diese Veränderungen des deutschen Übersetzers. Vielleicht hat der Übersetzer auch eine ganz gute Übersetzung gemacht – ursprünglich waren nämlich wirklich sehr schöne Passagen drin und es begegnet dort eine große Sicherheit im deutschen Ausdruck – und es kann sein, dass jemand anderes das überarbeitet hat und der Übersetzer damit nicht einverstanden war.

Erik Münnich: Zusammen mit der Grafikerin Isabel Wienold, die auch für einige deiner Bücher die Einbandillustration gemacht hat, hast du den „Krieg der Gurken“ gemacht. Es geht hier um Sorben, Gurken und gegenwärtige politische Zustände. Wie seid ihr auf die Idee gekommen und was versucht ihr da?

Jürgen Buchmann: Ich hatte das Buch „Encheiridion vandalicum oder das Buch von den Wenden“ geschrieben und dieses Thema der Wenden hat mich natürlich dann nicht gleich wieder losgelassen. Mir kam dann die Idee einer Satire, die zeigt, wie diese Sorben von den Deutschen malträtiert werden und daraus ist „Krieg der Gurken. Eine Apokalypse aus dem Spreewald“ entstanden. Hier wird so getan, als ob die Sorben zum Gegenangriff übergehen. Das Ganze liest sich so wie eine etwas verrückte Science-Fiction-Inszenierung von Orson Welles zum Beispiel – 1937 dieses Hörspiel, wo er von einem Angriff von Marsianern berichtet, was angeblich eine Massenpanik in New York hervorgerufen hat. Dieses Hörspiel hab ich sozusagen als Modell genommen – und die Sorben greifen jetzt mit ihren Ufos die Bundeshauptstadt an. Das Ganze ist ein absoluter punkiger, knalliger, verrückter Text und Isabel Wienold hat dazu entzückende Kinoplakate gemalt, die mit Motiven von Science-Fiktion- und Horrorfilmen aus der Zeit des Kalten Krieges arbeiten – die sind hinreißend, wunderbar ausgewogene, witzige und farblich exquisite Plakate.


 

Im freiraum-verlag erschienen

26 Februar 2013

Prudenci Bertrana: Josafat oder Unsere Liebe Frau von der Sünde

Buch Kaufen, 86 Seiten; 14,8 x 21 cm ISBN: 978-3-943672-20-6 11,00 EUR (D), E-Book kaufen

Prudenci Bertrana: Josafat oder Unsere Liebe Frau von der Sünde
Josafat, das 1906 erschienene Hauptwerk Prudenci Bertranas (1867-1941), nach dem der bedeutendste katalanische Literaturpreis benannt ist, blieb in Deutschland fast unbekannt. Schauplatz des Romans sind die düsteren Labyrinthe der Kathedrale...

07 Januar 2014

Jürgen Buchmann: Memoiren eines Münsterländer Mastschweins

Buch bestellen, 54 Seiten; 14,8 x 21 cm; ISBN: 978-3-943672-00-8 12,95 Euro; (D), E-Book bestellen

Jürgen Buchmann: Memoiren eines Münsterländer Mastschweins
Ein westfälisches Mastschwein träumt davon, ein Studium zu ergreifen und Literat zu werden, um das Wort zu Fall zu bringen. Vom Onkel, einem geschätzten Eber, wird es in Latein unterrichtet und stellt schnell fest, dass das Glück fernab des...

18 Februar 2014

Jürgen Buchmann/iwi: Krieg der Gurken. Eine Spreewalder Apokalypse

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Jürgen Buchmann/iwi: Krieg der Gurken. Eine Spreewalder Apokalypse
Jürgen Buchmanns und iwis Krieg der Gurken wirft ein satirisches Licht auf den ungleichen Kampf zwischen dem sorbischen David und dem deutschen Goliath – einen Konflikt, der uns aufruft, nicht achselzuckend zuzusehen, sondern uns mit dem...