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17 Juli 2015

Clemens Schittko und Kai Pohl im Gespräch

Clemens Schittko und Kai Pohl im Gespräch

 

Im September 2014 erschien die Anthologie „my degeneration. the very best of WHO IS WHO“  von Benedikt Maria Kramer, Robert Mießner, Kai Pohl, Clemens Schittko u. a. Die ersten Texte des Bandes verfasste Kai Pohl bereits 2004 in der Auseinandersetzung mit literarischen Cut-up- und Montagetechniken, die teilweise auf www-Suchmaschinenergebnissen beruhten. Einige Jahre später erhielt Clemens Schittko für sein Langgedicht „Who is who/is who or what“ einen Lyrikpreis. Andere befreundete Autoren schickten ihre Variationen zum Thema. Sogar der Bund katholischer Dichter beteiligte sich – freilich ohne sein Wissen – an diesem Konvolut.

Anlässlich der Lesung von Kai Pohl und Clemens Schittko aus diesem Band im Literaturzentrum Vorpommern gaben beide radio 98eins ein Interview, das wir hier mit deren freundlicher Genehmigung veröffentlichen:

Sophia Schröder: Als ich den Titel eures Bandes das erste Mal gehört habe und nicht wusste, worum es geht, habe ich unweigerlich an The Who gedacht – ich dachte das wäre eine Band-Biografie. Ist diese Assoziation beabsichtigt?

Kai Pohl: Naja, es ist so, dass der Titel sich schon an dem Compilation-Album „My Generation“ von The Who orientiert. Wir haben dann auch dieses Cover,  wo die vier Köpfe der Bandmitglieder abgebildet sind, in gewisser Weise übernommen. Von daher war das schon ein bisschen beabsichtigt. Es ist eigentlich nicht viel tiefgründiger als eben diese Verballhornung dieses Plattentitels.

Sophia Schröder: Muss ja nicht immer alles so tiefgründig sein, oder?

Kai Pohl: Genau, finde ich auch. Schon Wolf Dieter Brinkmann hat gesagt: „Was hindert uns daran, an die Oberfläche der Dinge zurückzukehren?“

Sophia Schröder: Wenn Euch jetzt jemand danach fragt, worum es in eurem Werk geht und was der Antrieb war, das zu versammeln, das zu schreiben – was würdet ihr dann in ein paar knackigen Sätzen antworten?

Clemens Schittko: Der Ausgang zu dieser Anthologie war auf jeden Fall ein Satz wie: „Raider heißt jetzt Twix.“ Das war halt eine ganz bekannte Werbung oder ein Slogan in den Neunzigerjahren – die Älteren kennen das vielleicht noch – und aus diesem Konstrukt A heißt jetzt B kann man sehr viel machen. Und da sich ja Sprache wirklich immer schneller heute verändert und Bezeichnungen auch, obwohl die Dinge an sich, die benannt werden, irgendwie doch gleich bleiben, war das für uns interessant, etwas zurückzugewinnen und vielleicht zu zeigen, Moment, das kann einfach nicht so umbenannt werden. Oder wenn, dann können wir es vielleicht noch mehr übertreiben.

Kai Pohl: Wir leben in einer Zeit der ständigen Umetikettierung von Dingen und im Grunde bleiben die Dinge ja doch gleich – wie Clemens eben auch schon sagte. Also nur der Name ändert sich meistens, ständig und viel zu oft. Dahinter steckt im Grunde zumindest die Andeutung, dass die Sprache nicht fix ist – wenn sich Begrifflichkeiten ändern, ändert sich ja meistens auch irgendwie der Sinn, der damit übertragen werden soll, obwohl das eben meistens gar nicht der Fall ist. Es ist also auch eine spielerische Annäherung an die Sprache, die einen im Alltag umgibt – was jetzt nicht unbedingt heißt, dass es eine Alltagssprache ist, sondern es sind eben alle möglichen Jargons, die vorkommen, und es gibt auch Überschneidungen zwischen den einzelnen Jargons oder eine irgendwie völlige Abgeschottetheit von bestimmten Sprechweisen oder Dialekten. Es wird sozusagen alles genommen als Material für diese merkwürdigen Umetikettierungen.

Clemens Schittko: Vielleicht könnten wir jetzt mal Beispiele bringen: Früher hat man von Putzfrauen gesprochen, heute sagt man Raumpflegerin. Schaffner heißen jetzt Zugbegleiter und sowas. Aber letztlich ist ja der Beruf an sich gleich geblieben. Es wird dann irgendwie aufgewertet sprachlich, um den Leuten zu signalisieren: Aha, ihr macht ja was ganz Tolles, aber die, die in den Berufen arbeiten, die empfinden sich vielleicht gar nicht als Zugbegleiter oder Raumpfleger. Und das aufzudröseln, das war irgendwie unser Anliegen.

Kai Pohl: Ja, mich hat das sogar auf einer noch viel banaleren Ebene interessiert. Zum Beispiel diese Geschichten wie Direktsaft oder Echtgold. Ich meine, wenn es Echtgold ist, was soll dann Gold sein? Durch diese zugespitzten Begrifflichkeiten wird ja im Grunde genommen die ursprüngliche Bedeutung des Wortes umdeterminiert. Das heißt, Direktsaft ist heutzutage das, was früher Saft war, und das, was heute Saft ist, ist eigentlich kein Saft.

Clemens Schittko: Uns ist auch aufgefallen – oder mir jetzt gerade –, dass Begriffe wie Verantwortung dann eben einfach nachgelassen haben in ihrer Kraft, zu wirken. Also heute spricht man dann halt von Eigenverantwortung. Einfach zu sagen, jemand trägt Verantwortung, ist schon zu wenig. Dann sagt man eben Eigenverantwortung. Da wird immer noch eins draufgesattelt und Sprache dadurch aufgerüstet, weil eben damit schon gar nicht mehr die Wirklichkeit erreicht wird. Das fanden wir durchaus interessant.

Sophia Schröder: Dieses Phänomen, dass Sprache, die ja sowieso sehr dynamisch ist und immer im Fluss und im Wandel, eine Gesellschaft reflektiert oder auch industrielle Phänomene … Habt ihr auch eine politische Meinung, die da irgendwie durchschimmern soll oder die euch am Herzen liegt?

Kai Pohl: Das entscheidende Moment bei dieser Geschichte ist, glaube ich, dass eben viele Transformationen sich in Sprache reflektieren, also es sind ja gesellschaftliche Transformationen, die sich reflektieren. Plötzlich gibt es eine Computersprache, die es vor dreißig Jahren so gar nicht gab. Die gab es vielleicht damals unter Fachleuten. Das eigentliche Moment, was mich interessiert an diesen Geschichten – ob man es jetzt politisch nennen sollte, weiß ich gar nicht so genau –, ist, statt dieser ganzen merkwürdigen Schein- und Pseudosprachen eine echte, eine ernst gemeinte Transformation zumindest verbal erstmal anzupeilen – also Transformation von Zuständen oder unhaltbaren Zuständen, die sich eben in Sprache reflektieren.

 

Sophia Schröder: Aber vieles ist ja auch ein Resultat von Werbesprache, von der wir ja auch zugedröhnt werden Tag für Tag. Es geht ja viel um Kaufen und Verkaufen, um Bewerben und Anpreisen usw. Und das spiegelt sich natürlich auch in der Sprache wider.

Kai Pohl: Genau, im Grunde genommen ist dieses Schreiben in gewisser Weise ein Akt der Selbstbehauptung. Und in dem Falle eben mit der Aneignung dieser ganzen merkwürdigen, dröhnenden Werbe- und Propagandasprache. Wir lassen uns davon nicht überwältigen, sondern nehmen es als Material und bauen daraus was Eigenes.

Sophia Schröder: Das Wort „bauen“ finde ich hier ganz passend, denn ihr habt Cut-up- und Montagetechniken verwendet. Könnt ihr dazu vielleicht etwas sagen?

Clemens Schittko: Ich sehe als vorherrschendes Prinzip eine Art Aufzählstil. Das sind serielle Texte, Aufzählungen, wie sie als Reihungsstil auch schon im Expressionismus bekannt geworden sind. Eben wie beim ganz bekannten Gedicht „Weltende“ von Jakob von Hoddis. Da werden ja eben ganz normale Hauptsätze behauptet. Aber Cut-up kommt als Weiterentwicklung natürlich auch darin vor. Man kann gerade über Google sich seine Sätze zurechtbasteln oder eben dann den Werbesprech wieder leicht verändern – etwas runter nehmen, etwas mehr drauf packen und das hintertreiben.

Kai Pohl: Ich muss schon sagen, dass zumindest die Ursprünge der Texte, die jetzt in diesem Buch erschienen sind, schon so eine Art Cut-up waren. Obwohl heute der Begriff ja auch für viele Leute immer noch recht schwammig daherkommt. Man kann sich viel darunter vorstellen. Ich subsummiere darunter verschiedenste Formen der Montagetechnik. In der Musik findet man das schon viel länger. Da gibt es das Sampling und das Remixen. Und diese Sachen kann man natürlich auch in oder mit der Sprache machen, weil man eben die digitalen Medien hat, die das ja in gewisser Weise unterstützen. Wenn sie nicht gerade abstürzen …

Sophia Schröder: Wenn man das jetzt mal ein bisschen platter formulieren würde, diese Montagetechniken, die teilweise, wie ihr auch selber sagt, auf Suchmaschinenergebnissen beruhen – das hat ja auch viel von Recycling irgendwie, also Reproduktion von bereits Vorhandenem. Inwiefern ist es möglich, da noch seine persönliche Note reinzubringen in den Text?

Clemens Schittko: Eigentlich relativ einfach. Man kann eben große Firmen wie BMW, VW, Coca Cola usw. mit gewissen Personen koppeln, die wir privat nur kennen. Wir sagen dann: Ne, BMW ist gar nicht so bekannt, wir sagen jetzt XY, der unser Freund ist, der steht auf der gleichen Ebene … Das einfach so zu koppeln und dann entsteht da was Neues – und diese Hierarchie, die es vielleicht gibt, dass jetzt Coca Cola bekannt ist, die wird halt von uns nicht anerkannt.

Kai Pohl: Die persönliche Note entsteht ja schon dadurch, dass man letztendlich – woher auch immer man sein Material, das sprachliche Material, bezieht – immer irgendwie interessensgeleitet ist. Man hat eigene Erfahrungen, Erlebnisse, die dazu führen, dass eben bestimmte Dinge einen mehr ansprechen als andere. Und dadurch entsteht die persönliche Färbung.

Sophia Schröder: Ihr habt den Band zusammen mit vier weiteren Autoren geschrieben, sozusagen in Kollektivarbeit. Wie kam es dazu und was war der Anreiz?

Kai Pohl: Die ersten Texte sind mehr oder weniger – wie Texte eben entstehen – sporadisch entstanden, für sich genommen. Es war nicht die Absicht dahinter, dass daraus mal irgendwann ein Zyklus wird. Dass es dann doch dazu kam, lag daran, dass Clemens halt irgendwann diese ersten Who-is-Who-Texte zu Gesicht bekam, in welcher Form auch immer, und daraus dann selber einen sehr langen Text als Replik geschrieben hat – „who is who/is who or what“, für den er den lauter niemand preis für politische lyrik bekommen hat. Das war auf jeden Fall erstmal so ein Schlagabtausch auf textlicher Ebene zwischen Clemens und mir. Und später haben wir dann andere Autoren gefragt, ob sie nicht auch etwas dazu beisteuern wollen und so kam es dann letztendlich zu diesem Konvolut von Texten.

Sophia Schröder: In diesem Zusammenhang würde mich mal interessieren, wie ist das mit dem Text „Advent statt Event“ vom Bund katholischer Dichter – wie ist der da reingeraten?

Kai Pohl: Den habe ich bei einer Webrecherche, also nicht ganz zufällig, nach sozusagen artverwandten Texten gefunden – da ist der mir aufgefallen und dann dachte ich, wenn man schon sowas macht, dann sollte der irgendwie Bestandteil dieser Sammlung sein, weil der auf jeden Fall sehr interessant ist. Er ist nur leider sozusagen unter „No Name“ – man weiß nicht genau, wer der Autor ist.

Clemens Schittko: Und das ist auch so ein Prinzip des Bandes – wir machen sehr viel Namedropping-Geschichten, wir erwähnen Namen oder legen denen Zitate in den Mund, die sie nie gesagt haben. Und es gibt auch einige Vorwörter oder Motti von Leuten, die auch gar nicht wissen, dass sie da mit einem Motto erwähnt werden.

Sophia Schröder: Ist die ganze Geschichte für Euch mehr ein Spiel, ist der Ernst so ein bisschen hinten angestellt?

Kai Pohl: Das Spiel muss Spaß machen. Man kann ja nicht wirklich in einem ernsten Modus ernst sein. Also, man sollte es schon ernst meinen, aber man kann trotzdem spielerisch rangehen.

Sophia Schröder: Man sollte nicht in einem ernsten Modus ernst sein …

Kai Pohl: Genau, sondern im spielerischen Modus den Ernst anpeilen vielleicht. Das Lesen der Texte soll ja auch Spaß machen, obwohl das jetzt nicht heißt, dass es jetzt irgendwie öde Unterhaltungsliteratur sein soll. Darum geht es natürlich auch nicht, aber es ist auch nicht der bittere Ernst.

Sophia Schröder: Habt ihr euch den Band mal vollständig von vorne nach hinten durchgelesen?

Clemens Schittko: Ich nicht. Ich habe ja schon Schwierigkeiten gehabt, meinen eigenen 40-Seiten-Text komplett in einem Stück zu lesen, weil man nach zehn, fünfzehn Seiten verrückt wird. Man muss zumindest absetzen, weil man so zugeballert ist von den ganzen Aufzählungen, dass man erstmal Ruhe braucht.

Sophia Schröder: Genau darauf wollte ich nämlich hinaus. Ist es für euch anstrengender, die Texte zu schreiben oder sie selber zu lesen beziehungsweise laut vorzulesen?

Kai Pohl: Ich glaube, das Schreiben ist ja eigentlich kein Schreiben in dem Sinne, sondern es ist eher – also für mich zumindest, ich kann jetzt ja nicht für Clemens sprechen – bei mir eher eine Art Montieren. In dem Falle würde ich aber wirklich nicht „schreiben“ sagen, sondern eher montieren. Der Künstler-Ingenieur eben, wie das in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts in den Avantgarden gebräuchlich war. Das Vortragen der Texte selber, also quasi der Ergebnisse, ist schon etwas ganz anderes und man kann mit dem Publikum schon wirklich Spaß daran haben.

Und ich habe das Buch auch noch nicht komplett von vorne bis hinten durchgelesen. Das ist aber letztendlich auch das Elend desjenigen, der die Texte alle schon kennt. Warum soll man Texte, die man schon kennt, dann nochmal von vorne bis hinten durchlesen?

Sophia Schröder: Ich habe jetzt die Worte „Ingenieur“, „Montage“, „bauen“ usw. gehört. Ist das Ganze vielleicht mehr Handwerk als Dichtung?

Clemens Schittko: Zumindest ging es mir beim Schreiben auch darum, das Handwerk offenzulegen. Dass man zeigt, dass eigentlich ein Text immer gebaut ist aus Sprache. Mir geht es bei sogenannten realistischen Texten, die einfach nur erzählen wollen, irgendeine Handlung erzählen wollen, oft so, dass ihre Gemachtheit verschleiern. Und das will ich dann auch schon offenlegen. Ich denke, Kai geht es auch so.

Kai Pohl: Ja, letztendlich geht das ja zurück auf die Komplexität des menschlichen Wahrnehmungsapparates. Man denkt immer, das Gehirn braucht man, um sich die Welt bewusst zu machen. Im Grunde genommen ist das Gehirn ja nur ein großer Filter des Vergessens. Also, wenn man alle Eindrücke, die man im Moment aufnimmt, wirklich präsent hätte, würde man sofort verrückt werden. Und eigentlich sind diese Who-is-Who-Texte ein bisschen die Erinnerung daran, was eben noch alles da ist, was man eben sonst nicht wüsste oder sonst nicht wahrnehmen würde, weil man es eben gerade durch den Filter ausblendet. Und ich hoffe, dass man da dann nicht verrückt wird, wenn man es liest.


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