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18 Mai 2016

Brygida Helbig im Gespräch - Ich finde es einfach spannend, dass wir unterschiedlich sind

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Brygida Helbig im Gespräch - Ich finde es einfach spannend, dass wir unterschiedlich sind

Im November letzten Jahres startete die Reihe „Neue Polnische Literatur“ mit  Brygida Helbigs „Ossis und andere Leute“ – ein Buch über prekäre Verhältnisse, Kulturunterschiede und die mitunter turbulenten deutsch-polnischen Verhältnisse. Anlässlich der 2. Auflage, die soeben erschien, sprach Erik Münnich mit der Autorin über ihr Buch und ihre Protagonisten, ihre Erfahrungen als Polin in Deutschland und die gegenwärtige politische Situation auf beiden Seiten der Grenze.

Erik Münnich: Du schreibst auf Deutsch und Polnisch. Gibt es eine Präferenz für eine Sprache?

Brygida Helbig: Es ist tatsächlich so, dass ich mir diese beiden Sprachen in zwei Zuständigkeitsbereiche aufgeteilt habe, da ich eben hauptsächlich in Deutschland studiert und wissenschaftliche Texte auf Deutsch habe schreiben müssen – ich bin deswegen im Deutschen vielleicht sogar sicherer als im Polnischen, wenn es um die literaturwissenschaftliche Fachsprache geht. Meine literarischen Texte verfasse ich hingegen hauptsächlich auf Polnisch. Dies ist ja nun mal meine Muttersprache, die Sprache des Unbewussten, des Körpers, der Gefühle. Und mit ihr habe ich auch angefangen, Gedichte und Erzählungen zu schreiben. Wir haben dazu während meines Slawistik- und Germanistikstudiums in Bochum einen Dichterclub gegründet – das war mehr oder weniger ein Migrantenclub –, wo wir hauptsächlich in meiner Muttersprache geschrieben und uns unterhalten haben. So bin ich dabei geblieben, literarische Texte auf Polnisch zu verfassen.
Andererseits war es für mich ganz wichtig, als ich in Deutschland als Emigrantin angekommen bin, die deutsche Sprache möglichst so gut zu beherrschen, dass ich nicht als Ausländerin sofort erkannt und dann protektionell oder demütigend behandelt werde, was mir einige Male passiert ist – unter anderem wegen meines südländischen Aussehens, also gar nicht mal als Polin, sondern als vermeintliche Türkin. Und da habe ich mir eben vorgenommen, diese Sprache so perfekt wie möglich zu beherrschen, um keinen Anstoß zu erregen. Und diese Sprache, diese Sprachkenntnis wurde für mich zu einer Art Panzer, mit der ich mich gegen Angriffe wehren konnte. Hat mich jemand angemacht, habe ich eben die deutsche Hochsprache genutzt und damit war der Angriff abgewehrt. Es hat sich also immer weiter angeglichen und jetzt würde es mich reizen, auch mal zu versuchen, ob ich nicht einen literarischen Text auf Deutsch zustande bringe.

Erik Münnich: Du hast auch an der Übersetzung deines Buches „Ossis und andere Leute“ mitgearbeitet. Warum übersetzt du dich nicht selbst?

Brygida Helbig: Weil es viel Zeit kostet, vor allem. Ich finde es spannender, einen neuen Text zu schreiben, als an der Übersetzung eines bereits vorhandenen Textes zu arbeiten. Außerdem bin ich neugierig, wie das ein anderer Mensch, ein mir fremder Mensch, für den Deutsch die Muttersprache ist, hinkriegt. Aber ich arbeite sehr gern an der Übersetzung mit, wenn es um das Deutsche geht. Wenn das jemand in eine andere Sprache übersetzt, ist das nicht in diesem Umfang möglich. Ich bin sehr dankbar für die Übersetzung von Paulina Schulz, weil sie das sehr gut und mit viel Empathie gemacht hat.

Erik Münnich: In deinem Buch begegnen viele Geschichten von verschiedenen Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Gab es einen Anlass für dieses Buch oder für einzelne Texte, aus dem dann dieses Buch entstanden ist?

Brygida Helbig: Im Gegensatz zu meinen anderen Büchern gab es einen konkreten Anlass. Ich hatte auf einmal einen Verleger, der gerne Erzählungen von mir in einem Band veröffentlichen wollte – und so habe ich Texte herausgesucht, die ich in den letzten zwei, drei Jahren geschrieben habe. Ich arbeitete zu dem Zeitpunkt für Radio Multikulti in Berlin, für die ich kurze Feuilletons u. a. zu meinen Alltagsbeobachtungen und zur deutsch-polnischen Problematik geschrieben habe. Außerdem waren einige Erzählungen vorhanden, die ich für Anthologien verfasst hatte. Die Texte waren also praktisch schon da, sie mussten nur zusammengefügt werden …

Erik Münnich: Wie bist du zu deinen Protagonisten und deren Geschichten gekommen?

Brygida Helbig: Die Menschen musste ich gar nicht suchen, die Protagonisten sind mir einfach so über den Weg gelaufen. Das Alltagsleben oder das Leben überhaupt ist die beste Inspiration. Da muss ich mir nicht allzu viel ausdenken. Ich habe reale Vorlagen für meine Protagonisten, aber das heißt überhaupt nicht, dass ich diese eins zu eins verarbeitet habe. Vor allem hab ich mich natürlich selbst als Erzählerin, mit meinen Erfahrungen als Migrantin, als jemand, der mit Ost- und Westdeutschen viel zu tun hatte, eingebracht – aber fiktionalisiert. Das bin nicht mehr ich, sondern eine meiner literarischen Selbst-Kreationen. Und die Vorlagen für meine anderen Figuren lieferten mir hauptsächlich meine Freunde, Ost- und Westdeutsche, mit denen ich zu tun hatte. Aber manchmal entstammt eine Figur aus zwei, drei Freunden, deren interessanteste Eigenschaften ich zu einer Figur verarbeitet habe.

Erik Münnich: Einer dieser Protagonisten ist Klaus Kaiser, dem schon mit einem gewissen Argwohn begegnet werden könnte, der aber für mich – weil er so anders ist und sich diesem Markt, diesen Regeln entzieht, rebellisch ist – sehr viel Sympathisches hat.

Brygida Helbig: Das Buch wird von einigen meiner Kollegen in Polen für Unterrichtszwecke benutzt und tatsächlich wird diese Figur mit Argwohn betrachtet, weil das ein sogenannter Wendeverlierer ist, der sich in der heutigen Wirklichkeit nicht zurechtfindet. Und die jungen Leute in Polen können das irgendwie schwer nachvollziehen, warum der sich selbst so vernachlässigt, warum er nicht kämpft, warum er sich geschlagen gibt.

Erik Münnich: Hat sich denn in den Biographien deiner Vorlagen seit dem Erscheinen etwas verändert?

Brygida Helbig: Was Klaus angeht bzw. seine reale Vorlage, da kann ich verraten, dass sich nicht viel verändert hat – er führt sein Leben aus Überzeugung einfach so weiter. Und hier wundern sich polnische Studenten eben: Warum geht der nicht zum Psychotherapeuten oder was weiß ich, er ist offenbar depressiv. Er sabotiert sich selbst, warum erlaubt er sich nicht irgendwie aus dieser miesen Situation herauszukommen? Er fühlt sich von diesem System beleidigt und zeigt mit seinem ganzen Leben, dass man ihm Unrecht getan hat. Warum, das kann ich natürlich nicht ganz beantworten, aber ich habe meine Vermutungen, über die ich auch in meinem Buch nachdenke. Mich interessieren die psychologischen und sozialen Motivationen, die zu einer solchen Situation geführt haben. Solche Menschen gehen selten zu Psychotherapeuten, um sich helfen zu lassen, und sie machen auch keinen Aufstand – er jedenfalls nicht –, was sie leicht tun könnten, sich irgendwo zu engagieren, Verbündete zu finden und gegen die politische oder seine soziale Situation anzugehen. Es fällt Menschen ja auch schwer, etwas zu verändern. Und Männern vielleicht noch viel mehr.

Erik Münnich: Du beschreibst ebenfalls Kulturunterschiede, die dir schon sehr früh aufgefallen sind. Waren diese, als du nach Deutschland gekommen bist, ein Problem für dich?

Brygida Helbig: Ja, die Kulturunterschiede waren ein Problem, aber ein etwas kleineres Problem als eben die Tatsache, dass ich manchmal aufgrund des fremdländischen Aussehens eine andere Behandlung erfuhr. Das war auch viel schwieriger für meine hier geborene Tochter als für mich selbst, weil ich nun tatsächlich Ausländerin war und immer noch mehr oder weniger bin. Sie wurde hier geboren und hat eben trotzdem aufgrund ihres Aussehens diese Behandlung mitunter erfahren. Auf die Kulturunterschiede selbst war ich hingegen vorbereitet. Später habe ich mich mit diesen auch wissenschaftlich befasst. Und ich finde das einfach spannend, dass wir unterschiedlich sind, dass wir unterschiedlich kommunizieren. Ich habe viel von der deutschen Kultur und der Art, zu kommunizieren, gelernt und hoffe, dass Deutsche, die hier leben, auch von mir was gelernt haben. Das war ein gegenseitiger Einfluss und ein gegenseitiges Geben und Nehmen und Lernen voneinander. Ich habe zum Beispiel gelernt, direkter zu kommunizieren, „Nein“ zu sagen, ohne Rücksicht auf etwaige Konsequenzen. In Polen ist die Kommunikation eben weniger direkt. Wenn man als Deutscher zu direkt Unbehagen oder Widerwillen äußert, wird man schnell als überheblich oder aufdringlich betrachtet. In Polen schaut man sich etwas weniger direkt in die Augen bei der Kommunikation – auch wenn man mit Bier oder Wein anstößt. Man gibt sich auch nicht unbedingt die Hand, das tut man eigentlich nur in offiziellen Situationen, privat eher nicht. Auch wundern sich Polen einer Studie zufolge oft, dass Deutsche sehr früh ihren Urlaub buchen, ein oder zwei Jahre vorher zum Beispiel. In Polen ist man da sehr viel spontaner. Gleich nach meiner Ankunft in einer Kleinstadt in Westdeutschland musste ich übrigens lernen, dass es bestimmte Zeiten gibt, die eingehalten werden müssen: Mittagsruhe, Nachtruhe usw. In der Regel wird hier mehr auf Prinzipientreue geachtet und auf einen geordneten Ablauf von bestimmten Dingen. Aber das ist auch nicht schlimm.

Erik Münnich: Machst du dir Sorgen wegen der politischen Verhältnisse auf beiden Seiten der Grenze?

Brygida Helbig: Dieser Rechtsruck, den wir mit AfD und Pegida beobachten, auf der einen Seite und die fehlende Bereitschaft auf der anderen Seite, über die Probleme, über die Krise mit den Flüchtlingen überhaupt zu sprechen, das ist ganz grob die Situation in Deutschland. In Polen ist die Situation etwas komplizierter. Seit den letzten Wahlen kann man den Eindruck gewinnen, dass jetzt eine Machtergreifung stattfindet, weil die Macht jetzt mit aller Gewalt ausgebreitet wird, mit fragwürdigen Mitteln, die mehr oder weniger auch das geltende Recht aushebeln. Aber irgendwie ist das auch keine Überraschung für mich. Ich habe zwischen 2008 und 2012 an der Universität Stettin gearbeitet, hatte einmal in der Woche mit jungen Menschen zu tun, bei denen ich das damals schon beobachten konnte, dass die Mehrheit dieser – die meist aus der Provinz, aus Kleinstädten um Stettin herum kamen – sehr beeinflusst waren und wenig offen gegenüber interkultureller Kommunikation. Wir behandelten auch die Problematik von Gender bzw. EU und ich stieß ich mit diesem und ähnlichen Themen auf eine Mauer, auf eine ganz große Mauer aus Unverständnis und Ablehnung. Da waren sehr viele rechtskonservative junge Menschen dabei, was mich total verwundert hat, ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, zumal ich in Berlin mit ganz anderen Menschen in der Uni zu tun hatte, auch polnischer Herkunft. Aber irgendwie ist dies auch nachvollziehbar: Die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen in Polen ist schon seit Jahren sehr groß. Viele fühlen sich gezwungen, auszuwandern – obwohl sie gebildet sind, obwohl sie studiert haben – um die einfachsten Jobs aufzunehmen, um überhaupt zu überleben. Es gibt in Polen nicht dieses soziale Netz wie hier mit Hartz-IV. Und viele Menschen fühlen sich eben im Stich gelassen von u. a. der Regierungspartei  der letzten Jahre. Die PO ist die Bürgerplattform, die konservativ-liberale Partei, die Partei der Geschäftsleute sozusagen bzw. der europaoffenen Leute. Die jungen Menschen hat die PO aber eben gar nicht berücksichtigt, keine Sozialpolitik betrieben. Ähnlich verhält es sich mit den sehr alten Menschen, den Rentnern, die natürlich auch unter dem großen Einfluss des rechten Flügels der katholischen Kirche stehen. Klar, das sind die Menschen, die sich einen Wechsel wünschen, die diese populistisch agierende, rechtskonservative Partei PiS, Recht und Gerechtigkeit, gewählt haben. Sehr viele Menschen sind auch nicht wählen gegangen. Ich hoffe aber trotzdem – auch wenn das jetzt schlimm aussieht – dass sich in Polen Widerstand regen wird. Das ist ja auch schon passiert, es gründen sich verschiedene Initiativen zur Verteidigung der Demokratie. Unter meinen Bekannten und Freunden im akademischen Milieu sind die meisten natürlich scharf dagegen, also gegen die neuen Tendenzen, gegen die neue Regierung und die Abschottung von Europa. Ich hoffe einfach, dass diese Regierung es auf keinen Fall schaffen wird, die Demokratie zu zerstören oder sich dem Westen gegenüber zu verschließen, sich Europa zu verschließen. Das kann nicht ihr Ziel sein, das glaube ich auch nicht, denn wo würde dann die Zukunft Polens liegen?
Ich sehe übrigens gewisse Parallelen zwischen den Polen, die sich im Stich gelassen fühlten nach der Wende, für die die rasante kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung nach ’89 zu schnell ging, und zwischen den Ostdeutschen, zwischen manchen Ostdeutschen, die ich hier im Buch auch beschreibe. Die im Gegensatz zu dem Westen viel weniger Erfahrung mit Migranten haben, denen das mehr Angst macht, die auch wirtschaftlich mitunter schlecht dastehen. Da gibt es schon Ähnlichkeiten. Diese Menschen fühlen sich im Stich gelassen und auch nicht gehört, werden oft mundtot gemacht, solange sie noch sachlich und argumentativ diskutieren wollen, sodass die Wut in ihnen dann wächst und in so einen unangebrachten Protest mit völkischen Parolen ausartet. Wie bei Pegida.

Erik Münnich: Zum Abschluss noch ein Ausblick: Woran arbeitest du gerade?

Brygida Helbig: Projekte gibt es viele, nur an der Umsetzung hapert es immer etwas. Spaß beiseite: Ich habe wirklich sehr viele Ideen. Ich schreibe gerade an meinem nächsten Buch, zunächst auf Polnisch. Es ist ein Roman über die wunderbare Dichterin Maria Komornicka, die nicht wirklich bekannt ist in Europa, dies aber werden sollte. Sie hat sich 1907 zum Mann erklärt – nicht, weil sie Transvestit oder transsexuell war, sondern aus Protest gegen die ihr als Frau zugewiesene Rolle und infolge schlimmer Erfahrungen. Später lebte sie dann in Irrenhäusern viele Jahre lang. Man kann sagen, dass sie aus dem öffentlichen Leben verbannt wurde. Sie hat dennoch ganz tolle Sachen hinterlassen, es ist eine faszinierende Biographie von einer außergewöhnlich talentierten Person, die von der Gesellschaft eben kaputt gemacht worden ist. Darüber habe ich schon vor Jahren ein wissenschaftliches Buch auf Deutsch veröffentlicht: „Ein Mantel aus Sternenstaub“.
Außerdem wünsche ich mir, auch mal einen Roman auf Deutsch zu schreiben, endlich die Papierberge in meiner Wohnung zu beseitigen und mal länger untätig am Strand zu liegen. Aber das ist sicher ein langer Weg – besonders bei dem zweiten Vorhaben.

Über den Autor

01 Juni 2015

Brygida Helbig

Brygida Helbig
Die deutsch-polnische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Brygida Helbig wurde in Stettin geboren, siedelte 1983 nach Deutschland über und lebt zurzeit in Berlin. Nach einem Studium der Slawistik und Germanistik an der...

Im freiraum-verlag erschienen

30 September 2015

Brygida Helbig: Ossis und andere Leute

Buch Kaufen

Neue Polnische Literatur, Band 1

Brygida Helbig: Ossis und andere Leute
Brygida Helbig berichtet humorvoll und pointiert von Menschen, deren Leben nach der politischen und persönlichen Wende einer Tragikomödie gleicht. Wir begleiten die Erzählerin in ihrer prekären Lage als Emigrantin in Deutschland, nach...